Deutsche-Schauspieler : Sonnenthal :

Adolf von Sonnenthal

Wie ein lebendiges Denkmal des alten Burgtheaters und seiner Kultur steht er hochragend in dieser andern Zeit. Von allen, die Heinrich Laube hergebracht hat, sind nur noch Sonnenthal, Baumeister und Hartmann geblieben. Baumeister schafft seit jeher einzig nach dem freien Willen seiner urgewaltigen Natur, ein Abbild elementaren Webens, nicht gebunden von der bestimmten Form eines bestimmten kulturellen Abschnittes. Hartmann, der wunderbar Geschmeidige, hat sich in der Moderne zum Modernen gewandelt. In Sonnenthal aber ist uns bewahrt und überliefert, was groß und glänzend, was klug und gut, was menschlich und was königlich hieß in den besonderen Vorstellungen jener Zeit. Nur über seinem Namen strahlt mit hellstem Leuchten noch der Ruhm des alten Burgtheaters. Wer dieses im heutigen Leben suchen wollte, der würde Sonnenthal finden und nichts neben ihm. Er allein bringt es uns her, in den achtzigjährigen Händen, die den verspäteten Segen fortgewehter Jahrzehnte noch in bedeutender Fülle zu spenden kräftig sind. Ein lebendiges Denkmal.

Als er in vollen Säften stand, muß für den Schauspieler eine herrliche Zeit gewesen sein. Denn alles schauspielerte ringsum. Die Welt spielte Freiheit und Aufklärung, der König spielte den guten Bürger, der Bürger den neuen Adel, die Dichter spielten Klassizismus, die Architekten Antike, Gotik und Renaissance; seihst die Möbel spielten mit, verstellten sich als polierte Vergangenheit. Nach fremden Mustern, aus Büchern, von abgezogenen Begriffen war jede wichtige Erscheinung des allgemeinen Lebens hergeholt. Es war eine Zeit, sich lebhaft einzufühlen, sich schwärmerisch hitzig anzupassen.
Es war eine Zeit für Schauspieler und für Juden. In Wien, wo die Schauspielerei fast immer eine natürliche Funktion des Lebens war, herrschte damals, auf der Bühne und in der Gesellschaft, der große Jude Adolf Sonnenthal. Zu einem Herrn und König dieser bürgerlich begeisterten Welt schien er geboren zu sein. Ein gemütvoll herablassender Herr, von menschennaher, gütiger Hoheit; ein herzlich liberaler König. Seine Noblesse entfernte sich weit von der stahlharten Unnahbarkeit, die etwa Gabillons Tyrannen hatten; in der tiefaufquellenden Wärme seines Inneren schmolz die herrische Erhabenheit und wurde weich. Der König spielte den guten Bürger.

Deshalb war er zum ruhmreichen Führer dieses alten Burgtheaters erlesen; denn es hatte den kulturgeschichtlichen Beruf, aristokratische Lebenshaltung und bürgerliche Lebensanschauung auf der mittleren Linie eines neuen Stils miteinander zu versöhnen und diese wunderbar künstliche und künstlerische Einheit der Sehnsucht jener Zeit als wirkliches Leben zu präsentieren. Es war ein Hoftheater für die besten Bürgerkreise. Der Bürger spielte ja den neuen Adel. Die wirtschaftlich Mächtigen brannten in sozialem Ehrgeiz, sie wollten, finanziell gesättigt, nun auch auf gesellschaftliche Eroberung gehen. Damals konstruierte man, zugleich mit den frisch gemauerten Renaissance-Palästen und den frisch polierten Möbeln in Altdeutsch, auch eine ganz neu lackierte Noblesse für diese jüngst hinaufgeworfene Creme des dritten Standes. Aus den Regeln aristokratischer Führung und aus den Überlieferungen echten Patriziats wurden die einzelnen Züge abgenommen und der emporgestiegenen Freigeisterei täuschend ins Gesicht geschminkt. Ein seltsam neues Bild von Vornehmheit entstand so an den sichtbarsten Oberflächen der Gesellschaft. Der Mensch hatte vor allem und in der Hauptsache edel, gerecht und frei zu sein. Damit war gemeint: er sollte wie ein Fürst auftreten, wie ein solider Bürger leben und wie ein liberaler Agitator denken. Dann war er wirklich vornehm und gehörte zur Creme. Natürlich tat das niemand, weil so etwas kein Mensch je gekonnt hat; denn Blut, Erziehung und Gewöhnung kehren sich niemals an aufgeschriebene Ideale. Aber die Ideale waren da und waren dringend notwendig; denn man hatte den andern schon so viel Geld abgenommen, daß man endlich daran gehen mußte, eine höhere Berechtigung für sich nachzuweisen. Und so bewies sich diese Bourgeoisie ihren neuen Adel, ihre erlesene Führerschaft im Geistigen und im Sozialen, indem sie das alles von den besten Künstlern, die es damals gab, auf dem Theater spielen ließ. Das war, im Grunde genommen, die gesellschaftliche Funktion des Burgtheaters in seiner unbestrittenen und reichsten Blüte.

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Adolf von Sonnenthal