Deutsche-Schauspieler : Sauer :
Oscar Sauer
An einem Wintertag, als die Nachmittagssonne mattgolden über den Schnee des Tiergartens glitt, sah ich ihn am Arm einer großen weißhaarigen Frau langsam herankommen. Er ging in einen schweren Pelz gehüllt, ein wenig gebeugt. Die Luft war ganz still und klar, und man hörte den Schnee knirschen. Er sprach nicht, und seine Augen gingen mit einem unsagbar herben Lächeln über die toten Sträucher, die ihre kahlen Ruten hart umrissen in das kalte Licht hoben. Mir war, als sähe ich den König eines großen Landes, von schwerer Krankheit bedroht, noch einen Gang durch den Park seines Schlosses tun.Der Mann war aber der Schauspieler Oscar Sauer. Es war das einzige Mal, daß ich ihn anders als auf der Bühne sah; aber mir ist, als hätte ich ihn nie in einem Rahmen gesehen, der sein innerstes Wesen besser zum Ausdruck brachte. Denn es war Winter, und eine späte müde Sonne legte letzten königlichen Glanz über die Reinheit der toten Erde.
Oscar Sauer ist keiner der Namen, die der Theaterruhm durch die Welt posaunt, deren Auftauchen in der Provinz volle Häuser macht. Auch in Berlin, wo er nun schon seit anderthalb Jahrzehnten abwechselnd am Deutschen und am Lessing-Theater wirkt, hat er keinen „Kreis begeisterter Verehrer" um sich geschart, ist er kein Heros der Theatromanen. Alle Jahre aber geschieht es zwei- oder dreimal, daß eine Zahl Empfänglicher — solcher nämlich, die die Kämpfe unsrer Zeit nicht eitel und lüstern mitspielen, sondern zutiefst erleben — das Theater verläßt, in allen Lebenstiefen aufgerüttelt und mit dem Bewußtsein, ein unauslöschliches Bild ihres eigenen Schicksals mit sich fortzutragen, ein Bild, das eine starke Künstlerhand aus dem Stoff einer großen Menschennatur klar gebildet hat. Aus diesem erschütterten Gefühl, diesem tiefen Bewußtsein steigt ein seltsam persönliches Dankgefühl für Oscar Sauer, in dem dieser große Mensch und starke Künstler ungewöhnlich deutlich verwachsen erscheint.
Es ist nicht der harthelle Zug gesunden Lebens, der von Oscar Sauer ausgeht; seine Kunst gestaltet nicht die großen, einfachen Leidenschaften der Menschheit, wie sie in ewig gleicher Art sich entzünden und entladen; nicht im weltenweiten Kreise Shakespearescher Kunst findet seine Menschengestaltung ihre Stoffe. Wo Sauers Kunst am allereigensten und unvergleichbarsten dasteht, da entwächst sie dem enger begrenzten Gebiet einer Lebensstimmung, die im besondern Sinne unsrer Zeit eigen ist, wenn auch der tiefgrabende Künstler von hier aus seinen Schacht in das Ewig-Menschliche zu treiben weiß. Einer der dunkelsten Grundtöne in der Melodie unsrer Zeit ist es, den Sauer zum Schwingen bringt; er gestaltet das Schicksal, dem viele der besten zum Opfer fielen, die das neunzehnte Jahrhundert zu Ende lebten:
Er spielt das Schicksal der entthronten Könige, der verhöhnten Heiligen. Den heimatstolzen Patrizier spielt er, den eine wesensfremde, jäh Herr gewordene Macht in den wilden Kampf des Tages hinausschleuderte; den aufklärungsfrohen Gelehrten, der plötzlich der Fülle unentwirrbarer Rätsel hilflos gegenüberstand; den siegesgewissen Volksbeglücker, dem sich die Unmöglichkeit seiner Pläne vernichtend enthüllte. Das Schicksal der plötzlich verarmten Adelsträger einer alten Welt, Wikingerhelden, die Schiffbruch gelitten haben, mit einem Wort:
die Menschen des Ibsenschen Zwischenreichs gestaltet Oscar Sauer.
Er spielt nicht den ganzen Ibsen. Wo im Werk dieses Gewaltigen der wilde Lebenswille einer neuen Generation spricht, die mit ihrem heißen Schönheitshunger sich aus allen Bitternissen zum Licht emporarbeiten wird — da ist die adlige Feinheit, die leise Müdigkeit der Sauerschen Kunst nicht wohl am Platz. Für jenen großen Teil des Ibsenschen Lebenswerkes aber, der Klage und Anklage, Melancholie und Resignation ist, gibt es heute keinen eindringlicheren Vermittler als Oscar Sauer.
Oscar Sauer