Deutsche-Schauspieler : Reicher :

Emanuel Reicher

Emanuel Reichers Persönlichkeit verlangt wohl eigentlich heute schon eine historische Würdigung.
Nennen ihn doch die Theatergeschichten mit gutem Grund den Bahnbrecher des „Naturalismus" in der Schauspielkunst, den Schöpfer des „Berliner Stils". Und Reicher ist jener Bewegung, in der sich vor zwei Jahrzehnten die deutsche Schauspielkunst verjüngte, nicht nur ein Träger durch die Tat, sondern auch ein bewußter Vorkämpfer durchs Wort gewesen. Naturen wie Rudolf Rittner und Else Lehmann hatten und haben keinen andern Wunsch, als ihrer innersten Art gemäß sich künstlerisch zu entfalten — als bewußte Träger eines ästhetischen Prinzips sind sie nicht gut vorstellbar. Reicher aber hat durchaus ein erzieherisches Temperament, eine aufklärerische Tendenz gehabt, er ist propagandistisch für seine Auffassung von Schauspielkunst eingetreten, wollte Beispiel geben und Jünger schaffen; und deshalb noch mehr als durch seine zeitliche Priorität erscheint er als der eigentliche Träger der norddeutsch-veristischen Bewegung in der Schauspielkunst. Die Ideen, die ihn damals leiteten, gibt am klarsten eine Briefstelle Reichers aus jener Kampfzeit, die Hermann Bahr einmal veröffentlicht hat:
„Wir wollen keine Kunstgesetze: wir wollen freie Entfaltung der Individualität. Wir wollen nicht mehr so spielen müssen, weil der große N. einmal so gespielt hat: wir wollen jeder für sich auf seine eigene Weise unsere Blicke in die Natur tun und das für uns aus ihr herausholen, was sich unsern Blicken enthüllt.
Wir wollen nicht mehr effektvolle Szenen spielen, sondern ganze Charaktere. Wir wollen nicht ewig die alte Jamben- Tretmühle treten oder in wohlstilisiertem sogenanntem Konversationston interessant schwärmen oder witzeln . . . Nein, wir wollen, ob der Dichter uns in den Palast oder in die Hütte oder auf die Straße setzt, ob er uns in dichterischer Sprache der Verse oder in der plattesten Prosa der Schenke reden läßt, nichts anderes sein als Menschen, welche durch den einfachen Naturlaut der menschlichen Sprache aus ihrem Innern heraus die Empfindung der darzustellenden Personen übermitteln, ganz unbekümmert darum, ob das Organ schön und klingend, ob die Gebärde graziös, ob dies oder das in dies oder das Fach hineinpaßt, sondern ob es sich mit der Einfachheit der Natur verträgt, und ob es dem Beschauer das Bild eines ganzen Menschen zeigt!“

Gewiß, der Mann, der so schrieb, hat ein Anrecht, vom Chronisten der Vater des modernen Naturalismus genannt zu werden aber, wie Shakespeare sagt: „Ist das nun irgend etwas?“ Wäre der Mann ein Künstler zu nennen, dessen erster und einziger Ruhm es wäre, ein ästhetisches Prinzip verfochten zu haben? Sind das je wahrhaft große Dichter gewesen, die dem lebendigen Gefühl absterben konnten und nur noch in der Literarhistorie ihren Platz haben? Und könnte ein Schauspieler (in dessen Kunst alle Wirkung ja ans körperliche Sein gebunden ist) je ein Großer gewesen sein, wenn er noch lebt und spielt — und doch nur „historisch" zu würdigen wäre? Sicherlich nicht! Denn alle Bachelor Schulen und Theorienbildung bei Künstlern ist dogmatische Übertreibung, verblendete Einseitigkeit, ist Irrtum — der dann, aber nur dann Bedeutung, Macht und sogar hohes Verdienst enthalten kann, wenn er der Bewußtseinsüberbau für einen starken Schaffenswillen, Werkzeug und Waffe für eine große Persönlichkeit war! Dann aber überlebte die Persönlichkeit und ihre schöpferische Wirkung sicher die „Richtung" und die Theorie im Gefühl der Menschen.
So ists hier auch. Was ist denn von der naturalistischen Bewegung (auch in der Schauspielkunst) übrig geblieben, als daß sie uns ein paar starke Persönlichkeiten durchgesetzt hat! Und was war diese ganze Lehre andres, als eine seltsame Verquickung von Selbstverständlichem und Falschem, die sich der Instinkt einiger Künstler als „neue Wahrheit" zur Stärkung ihres Sicherheitsgefühls erschuf! In dem Protest der Naturalisten lag etwas sehr Richtiges, höchst Selbstverständliches: der Protest ursprünglicher, echter, aus eigenem Leben schöpfender Künstler gegen das herrschende Epigonentum, gegen Schauspieler, die nur „so" spielten, „weil der große N. einmal so gespielt hatte". Und es lag etwas sehr Falsches, sehr Subjektives darin: nämlich der Glaube, daß die vielleicht pathetische Art des großen N., selber die Natur zu stilisieren.
Aber wir müssen uns zu Reicher wenden, weil noch heute aus seiner Kunst ein echtes und interessantes Stück Menschentum zu uns spricht, ein Menschentum, das in seiner Kraft und Begrenzung zu erkennen recht lohnend ist. Und da wird es freilich zu einem interessanten Symptom, daß Reicher der Begründer und Lehrer des Naturalismus ist.

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Emanuel Reicher