Deutsche-Schauspieler : Matkowsky :

Adalbert Matkowsky

Die elementaren, einheitlich großen Gefühlsmächte früherer Geschlechter scheinen unserer Generation verloren, eine höchst gesteigerte Sensibilität spaltet die Masse jedes Gefühls, eine mißtrauisch lauernde Bewußtheit bricht seine Energie. Unsere Gefühle sind kurzlebiger und mannigfaltiger, bedingter und schwächer, und (wie wir mit dem ganzen Hochmut der grade
Lebenden zu sagen lieben) „menschlicher" geworden.
Es fehlt deshalb nicht an schwachnervigen Feingeistem, die all die einheitlich gewaltigen Gefühlsbewegungen der großen Tragödie für überlebt erklären möchten, die der Meinung sind, daß Lears Raserei und Macbeths Ehrengier, Othellos Eifersucht und Coriolans Zorn für „moderne" Menschen nur noch barbarische Antiquitäten seien, die man interessiert betrachten, aber nicht bewegt nacherleben könne.

In dieser Behauptung steckt die ganze kindliche Kunstverkennung des Naturalismus. Denn die Kunst hat es ja nie mit den gegenwärtigen (oder irgendwelchen andern!) Formen des Lebens zu tun — sie ordnet nur den letzten Gehalt unseres Lebens in ihre Form; sie ist uns eine höchste Lebensangelegenheit, weil sie den Kern unseres Fühlens eben nicht in den Verschalungen der Wirklichkeit wiederholt, sondern in unerfahrbarer Reinheit heraushebt. Deshalb wird uns Shakespeare erschüttern, solange Menschen noch Menschen sind und also Ehrbegier, Eifersucht und Stolz im Busen hegen. Und die Größe und Unbedingtheit seiner Leidenschaften wird uns nur festtäglicher, heilsamer, unentbehrlicher sein, je mehr unsere Alltagsexistenz diese Grundkräfte seelischen Seins zersetzt.

Aber diese großen Gestalten sind in dramatischen Gedichten fixiert und verlangen auf der Bühne Darsteller, d. h. Menschen, die nicht nur von ihrem seelischen Zentrum aus so große Leidenschaften nachempfinden können, sondern die an ihrem ganzen Sein, bis in die Fingerspitzen und Kniekehlen hinein, solche Affekte als gegenwärtig erfahren können. Schauspieler sind Not von solch elementarer Gefühlsmacht, wie sie die Menschen zu Shakespeares Zeiten wahrscheinlich auch nur selten besaßen, wie sie aber dieser Renaissancedichter nach ihrem (und mehr noch nach seinem eignen!) Ebenbild schaffen konnte und schuf. Daß solche Menschen — stets rar — in unserer Generation mehr als selten geworden sind, ist freilich wahr. Aber eben deshalb sollte unsere Zeit mit innigster Dankbarkeit die wenigen Schauspieler-Menschen ehren, die noch den „Atem der großen Tragödie", eine ungebrochen elementare Gefühlskraft in sich tragen.

Deshalb erachte ich es für Berlins köstlichsten Besitz an theatralischen Gütern, daß es den einzigen heute lebenden Shakespearespieler ganz großen Stils in seinen Mauern hält: Adalbert Matkowsky.
Ihm gab die Natur den Leib eines Riesen und die weitaus langenden, königlich packenden Gebärden eines Löwen, ein Antlitz blühend im Fleisch, doch durch das Leuchten zweier mächtiger Augen stets von seelischer Bewegung überflutet, und eine Stimme ohne Schranken, vom Kinderlachen bis zum Wahnsinnsschrei melodisch schwellend im meergleichen Erbrausen tiefsten Gefühls. Und zu dem allen einen sicher ordnenden, aufwärts führenden künstlerischen Instinkt. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Matkowsky am Königlichen Schauspielhause zu Berlin und schreitet hier, von keiner Regie geführt, von keinen literarisch neuen Aufgaben genährt, doch unablässig fort, zu immer tiefer durchfühlter Beherrschung seiner so verführerischen Mittel, zur hohen Reife. Während ihn die blinde Antipathie der Schwachnervigen noch immer einen brüllenden Heldentenor schilt, entfaltet er heute an seinen großen Abenden (und er hat wie jeder Künstler das Recht, an seinen höchsten Werken gemessen zu werden) eine Schlichtheit und Bescheidenheit des Ausdrucks, die zuweilen schon den Tadel der „Unterreibung" verdient, — so wenn er Stellen traditioneller Kraftentfaltung mit fast demonstrativer Lässigkeit fallen lässt, den erwartet pathetischen Ausbruch wie etwas Peinliches meidend. Mehr und mehr flieht seine Natur alles deklamatorisch Starke, äußerlich Wilde, rein dekorativ Prächtige, immer mehr löst er den Vortrag in Sprechen, die Worte in Gebärden, die Gebärden in rein organische, unwillkürliche Regungen auf und durchglüht jeden Augenblick unmittelbar mit dem dichten Feuer eines Körpergefühls. Immer mehr wird Matkowskys Kunst Ausdruck reiner Naturentfaltung und stilisiert deshalb alles, was an geistig-willkürlichen Elementen in einer Dichtergestalt steckt ins Elementare hinüber: zu Shakespeare.

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Adalbert Matkowsky