Deutsche-Schauspieler : Kayssler :
Friedrich Kayßler
Im Grunde lieben wir ja jedes Kunstwerk nur um des Künstlers willen: nur weil uns ein Mensch offenbar wird: ein Spiegelglas, das zu besonderen Bilde die farbigen Dinge der Welt aufnimmt — ein Brennglas, das mit besonderer Kraft die tausend Strahlen des Lebens sammelt und sie in unsrer Brust ein Feuer zünden läßt. Im Grunde lieben wir in jedem Künstler nur einen besonderen Menschen. Aber es gibt Kunstwerke und Künstler bei denen uns dies ganz allgemeine Wesen des Kunstgenusses besonders klar wird, bei denen das ästhetische Verhältnis unmittelbar zu einem menschlichen zu werden scheint, weil nichts Technisches mehr unser Auge fesselt weil alles Formalästhetische gleichsam aufgebrannt ist in der Glut des menschlichen Willens. Wir fühlen dann, daß Kunst doch viel mehr als ein Können, daß Kunst ein Sein ist. Die Künstler, die so wirken, sind nicht immer die farbenreichsten und weitgreifendsten — aber dann sind es die lautersten und wahrsten. „Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein." Unter den Schauspielkünstlern von Rang, die wir heute besitzen übt diese über alles Künstlerische hinaus menschliche Wirkung keiner so sehr wie Friedrich Kayßler.Der indivuduelle Reiz dieses Künstlers scheint mir zu einem guten Teil aus seiner Kasse zu begreifen oder vielmehr aus dem ganz seltenen Zusammentreffen der Instinkte dieser Kasse mit den Antrieben der Menschendarstellungskunst in einer Brust Der Schauspieler Friedrich Kayßler ist ein Deutscher — und nicht nur der Sprache und äußeren Bildung nach. Das aber ist etwas viel Merkwürdigeres, als oberflächliche Betrachtung annimmt. Man streiche aus der Zahl unsrer belangvollen Menschendarsteller einmal alle, in denen unverkennbar jüdisches, romanisches oder slavisches Blut wirksam ist, und man wird überrascht sein, wie ganz wenige übrig bleiben. Und das ist kein Zufall. Was man Ton den Angelsachsen gesagt hat, das trifft auf die Germanen überhaupt zu: in ihrer tiefsten Natur wehrt sich etwas gegen das Theaterspiel. Es ist das Wesen des Deutschen mit harter, stolzer Scheu sein Ich zu bewahren und zu beiden. Jeder Gefühlsausdruck ist ihm eine Katastrophe ein Dammbruch bei höchstem Stromgang, ein Zerreißen der natürlichen spröden Hülle. Das Wesen der Schauspielkunst aber ist, sein Ich leichthin überströmen zu lassen in immer neue Formen. Schamfreie Offenheit des Gefühlsausdrucks ist ihr Lebenselement. Die Seele gleich einem Flüssigen auszugießen, umzugießen, ist ihre Selbstverständlichkeit. Es kann nicht leicht geschehen und geschieht selten genug, daß sich soviel Scheu mit soviel Wagelust, soviel Keuschheit und soviel Spielerleichtsinn soviel Stolz mit soviel Sorglosigkeit in eines Menschen Seele begegnen. Im Zusammenbrausen dieser feindlichen Elemente aber entsteht ein Klang, wie ihn uns nur die charakteristischsten Werke germanischer Kunst wiedertönen: ein Dürersches Blatt — ein Beethovensches Scherzo — eine Hebbelsche Liebesszene. Denn jede Kunst ist ja solch schamloses Sprengen der seelischen Hülle — und ist deshalb dem deutschen Menschen nur bei einer Tiefe und Stärke der Leidenschaft möglich, deren unvergleichliche Echtheit und Reinheit wir mit der Größe des überwundenen Widerstands an innerer Scham zugleich fühlen müssen. In dieser Gegensätzlichkeit von Menschentum und Kunstgebot liegt die herbe Schönheit deutscher Kunst. Schauspielkunst aber ist hier, wie überall, der krasseste, brutalste, weil primitivste Fall der Kunst. Deshalb sind deutsche Schauspieler noch viel seltener — als echte und zugleich echt deutsche Künstler überhaupt. Dies feiertäglich Seltene aber ist Erscheinung geworden in der Kunst Friedrich Kayßlers. Die Schranken dieser Kunst anzudeuten, ist nicht schwer. Die spröde, scheue Natur des Deutschen hat in diesem Schauspieler nicht bedingungslos kapituliert: sie gestattet ihm gleichsam, nur ihr zur Ehre zu spielen — aber sie verwehrt, die kraftvolle Kunst dieses Körpers zur Darstellung jeder fremden, vielleicht maßlosen Natur zu brauchen. Kayßler verkennt das Unvergleichliche und Schöne seines Talents ganz, wenn er, wie Schauspieler von elementarer, kulturloser Art, nach allen Seiten greifen zu können, jede menschlich starke Gestalt mit seinem Blut erfüllen zu können glaubt.
Friedrich Kayßler