Deutsche-Schauspieler : Kainz :
Josef Kainz
Es ist, dünkt mich, eine sträfliche Überhebung, von dem Maß an Seele, das ein Künstler auf der Bühne ausgibt, abschätzend zu sprechen. Die Schauspieler müssen nicht übel lachen, wenn vom Parkett oder in den gedruckten Spalten derart über sie geurteilt wird. Was wagen wir denn von den Seelen andrer zu wissen? Und was gehen sie uns an? Aber gerade die Bühne soll ein Ort der Offenbarungen sein. Wir hören Töne, Worte, den Rhythmus eines bestimmten Sprechens; wir sehen Mienen, Gesten, Bewegungen, die Äußerung eines bestimmten Gliederbaues in bestimmten Situationen und Affekten. Was sich zeigt, ist Körper, den seine eigene Natur unwillkürlich, den der Gedanke willkürlich, und den die Intuition in einer geheimnisvoll ungewollten Willkür dirigiert. Was sich daraus, im einzelnen und im gesamten Bild, erschließen läßt, ist physiologische Anlage, Intelligenz oder Phantasie. Eines von diesen dreien oder ihr Verhältnis untereinander ist immer gemeint, wenn irgendwo kritisch auf die Seele eines Schauspielers hingeleuchtet wird. Ich möchte mich erbieten, dies in jedem einzelnen Fall strikt nachzuweisen. Die Seele — wenn man schon die unwandelbare Tiefe und Fülle innersten Lebens so nennen will — ist wahrscheinlich das seltenste, heikelste, nur in den engsten Grenzen brauchbare, nur in den eigensten Fällen willige Mittel zum künstlerischen Zweck.Dies sei hier vorausgeschickt, weil so oft der Vorwurf gegen Kainz beliebt wird, daß seine Schöpfungen ohne Seele sind. Die Seele von Josef Kainz geht mich nichts an. Ich kenne sie nicht, ich verlange sie nicht, ich brauche sie nicht, ich weiß nicht, ob sie mir, erkennbar nahegebracht, gefallen würde. Ich weiß nur, daß seine Seele nicht die des Mortimer, nicht die des Romeo, nicht die des Franz Moor sein kann. Weil — um aus tausend Gründen den schlagendsten zu wählen — diese Herren nur wenig über zwanzig, Kainz aber weit über vierzig Jahre alt ist; und die tötliche Weite dieses Abstandes kann keine noch so flügelstarke Seele heil durchmessen. Dennoch war er vor kurzem noch der heißeste Romeo, der menschlich bedeutendste Mortimer, den unsre Tage gesehen haben; dennoch ist sein unvergleichlicher Franz Moor mit allen berauschend gefährlichen Reichtümern dieser dunkeln Seele beladen.
Nein, daran fehlt es nicht. Was er begreift, ergreift er und, wenn die Mittel taugen und der Einfall will, hält er es fest, so fest, daß das innerste Leben daraus heraufschreit, jedem zur erfüllenden Überzeugung. Wenn die Mittel taugen und der Einfall will. Die Mittel sind seines Körpers, der Einfall seiner Phantasie. Beide müssen sich, wie die Jahre gehen, miteinander und durcheinander verwandeln. Gleich bleibt, bei jedem Menschen zwischen dem Alter der Reife und dem Alter des Siechens, nur die Intelligenz: der Gang und die Schrittweite des bewußten Denkens. Sie versagt bei ihm niemals. Sie stellt ihr Licht in alle Winkel seiner Rollen, sie wählt, sondert, ordnet seine Einfälle, sie zwingt seine weithin schmetternde Stimme, seinen fein gelenkigen Körper zu jedem stärksten und verwegensten Ausdruck. Sie umklammert am festesten, am engsten, am längsten alle seine Schöpfungen und täuscht ihm so, verspätet noch, eine scheinbare Nähe vor. Er weiß seinen Romeo, seinen Mortimer, seinen Carlos noch, und darum glaubt er ihn zu können, wenn auch sein Organismus die unveräußerlichen Wahrheiten dieser durchaus jugendlichen Menschen schon verloren hat. Nicht seine Seele, sein Körper ist von diesen verliebten Wildlingen weg. Und wenn er sie spielt, staunt alles über so viel Kunst, zetert alles über so wenig Seele. Die Verlockung seiner Mittel hat viel Schuld daran.
Sie haben seine Klugheit die ganzen Jahre her genug genarrt. Mit diesem hellen, unzerbrechlichen, hochaufzüngelnden Organ, mit diesem schmalen, katzenhaft geschmeidigen Leib möchte man freilich ein Spieler von Jünglingen bleiben, solange Leib und Organ zusammenhalten. Aber die Wahrheit in der Kunst ist ein Geschenk des Blutes. Und sein Blut will die ungestüme Jugend nicht mehr. Es muß doch, nach soviel Jahren des Lebens und Erlebens, ruhiger, wenn auch nicht kälter, rollen. Darum hilft aller Verstand und alle Technik nichts; man hört die Worte jagen, man sieht die Glieder sich recken oder krümmen — aber Ton und Geberde laufen immer am glatten Faden der Überlegung, in ihrer stärksten Schönheit noch geleitet, gemodelt, gemeistert von einem stärkern Geist.
Josef Kainz