Deutsche-Schauspieler : Eysoldt :
Gertrud Eysoldt
Vielleicht ist unter den heute in Deutschland lebenden Bühnenkünstlern von Rang kein andrer, der einen so großen Teil seiner Kraft und seiner Wirkung aus der kulturellen Situation von 1900 zieht, der so wenig von irgend einer andern Zeit erzeugt und empfangen sein könnte als Gertrud Eysoldt.Gertrud Eysoldts Kunst hat in den letzten Jahren in heftigem Streit der Meinungen gestanden; ihre Bedeutung ist ebenso kränkend verkannt wie unsinnig überschätzt worden. Aber das werden auch die zügellosesten Verehrer zugeben müssen, daß es nicht viel Vernunft hat, immer wieder wie einen törichten, ungerechten Zufall das Faktum zu erzählen, daß Gertrud Eysoldt, die geistreiche, geschmackvolle Schauspielerin, nacheinander an drei Berliner Bühnen ein wenig beachtetes Dasein führte, bis dann eben endlich — zufällig — an Reinhardts Bühnen ihr die großen Erfolge blühten. Es war wirklich nichts weniger als ein Zufall, es war die notwendige Folge der Tatsache, daß durch Reinhardt die deutsche Bühne zum ersten Mal in die Kulturströmung gelenkt wurde, bei deren Ausdruck die Körperkunst der Eysoldt nicht Geistreiches und Geschmackvolles, sondern Außerordentliches und schlechthin Einziges zu bieten hatte. Der Rollenkreis, der sie hier empfing und zu jähem Ruhm erhob, diese „Perversen", wie sie der billige Zeitungsjargon taufte, diese unheimlich mörderischen Wesen voll sexueller Dämonie: Henriette und Adele, Salome und Lulu, Elektra und Cleopatra, diese Töchter Strindbergs, Courtelines, Wedekinds, Wildes, Shaws, Hofmannsthals — das sind denn doch nicht Gestalten, die der Künstlerschaft der Eysoldt „unter anderm auch" gelingen ; es sind tatsächlich allein die Anlässe, bei denen die Kunst der Eysoldt ihr bedeutsames und besonderes Wesen entfalten kann, wie an keinem andern Stoffe mehr. Sie ist tatsächlich nur im Bannkreise dieser Gestaltenwelt eine große Künstlerin. Darüber hinaus ist
sie eine geist- und geschmackvolle Schauspielerin — aber diesem Maximum von Kultur und Minimum von Natur entspringt dann nur selten noch lebensvolles Kunstwerk.
Für eine gewisse Seite der Literatur, die Reinhardt zuerst auf der deutschen Bühne durchsetzte, mußte die Eysoldt so notwendig kommen, wie Niemann für Richard Wagner, wie Rittner für Hauptmann. Sie ist das schauspielerische Äquivalent für einen wesentlichen Teil der Dichtung von Strindberg, Wedekind, Courteline, Shaw, Wilde. Das macht ihren unersetzlichen Wert in diesem Ensemble aus. Was ist nun das Tiefgemeinsame, das die Kunst dieser Schauspielerin und die jener Dichter eint? Das äußere Kennzeichen all jener Gestalten ist eine ins Lebensgefährliche gesteigerte sinnliche Leidenschaft; aber es wäre völlig verkehrt, eine ungewöhnlich starke Sinnennatur als die charakteristische Eigenschaft der Schöpfer anzunehmen, aus denen diese Gestalten hervorgingen. Ganz umgekehrt muß betont werden : die Welt August Strindbergs wie Gertrud Eysoldts ist der höchstgespannte Intellektualismus, der in die Zügel der Sinnlichkeit knirscht, der wahnwitzig aufgebäumte Wille, der mit dem Geschlecht um seine Freiheit ringt, die überreife Kultur die an den Kerkerwänden der Natur ihr Haupt zerschellt. Eine wütende Feindschaft ist zwischen diesen überwachen, geistesstarken, willensstarken Kulturmenschen und jener Trägerin aller dumpfen, ewig gleichen Naturnotwendigkeiten, dem Geschlecht. Aus dieser Feindschaft, diesem glühenden Haß heraus gestaltet August Strindberg, gestaltet Gertrud Eysoldt.
Gertrud Eysoldt