Deutsche-Schauspieler : Baumeister :

Bernhardt Baumeister

Es wäre vergebens, die Einfachheit selbst noch analysieren zu wollen. Das künstlerische Wesen von Bernhard Baumeister läßt sich nur nennen, nicht erklären: es ist Kraft. Eine außergewöhnliche, naturgeborene Kraft hat sich diesen Körper aufgebaut, teilt sich durch ihn mit, trägt sich unbedacht und ungeschmälert zur Schau, wie sie ist. Sie irisiert nicht in lebhaft vielfarbigen Brechungen (wie einst bei Krastel), sie spiegelt sich nicht pathetisch oder parodistisch im Bewußtsein ihrer selbst (wie bei Gabillon), sie quillt nicht in mitteilsamer Güte über (wie bei Sonnenthal, der zweifellos auch zu den Kraftmenschen der Bühne gehört), sie hat keinerlei Anlage, gelegentlich nervös auszufahren (wie bei Rittner). Sie ist da und lebt, nichts weiter. Diese Kraft spielen zu lassen, in beruhigter Fülle, in gewaltigem Trotz oder in ungeheurer Fröhlichkeit) ist Bernhard Baumeisters ganze Kunst. Es gibt nichts Einfacheres.
An seinen Körper engstens gebunden, von seinem Blut allein genährt, offenbart diese Kraft in jeder kleinsten Äußerung die Natur dieses Körpers, dieses Bluts. In die Züge dieses Mannes, in den Umriß seiner Gestalt, in die geringste seiner Bewegungen ist seine Herkunft unverkennbar eingeschrieben. Auf unsrer deutschen Bühne ist etwas Deutscheres nicht zu denken, als Bernhard Baumeister. Gerade darum, weil er es so gar nicht bewußt herzuzeigen, so gar nicht planmäßig zu verwenden weiß, strotzt das Wesen seiner Rasse nur voller und stärker aus ihm. Er trägt es nicht vor, er trägt es in sich und an sich; wie ein Baum die bildenden Säfte und Kräfte seines Bodens. Deutsche Eiche: dieses billige botanische Gleichnis, diese phrasenverdächtige Formel weicht einem dennoch nicht Ton den Lippen, wenn man nach irgend einem bildhaften Ausdruck von Bernhard Baumeisters künstlerischer Art verlangt. Sie ist ebenso wetterfest, mächtig und breit und ist auch ebenso eingewurzelt. Er gehört zu denjenigen, die von der Erde ihrer Heimat innerlich nie ganz loszureißen sind; nicht hinweg und nicht hinauf. Wie hoch er von seinem Boden aus emporwachsen kann, so hoch kommt er und will niemals höher. Stürmisch anzusteigen, feurig aufzufliegen ist ihm nicht gegeben. Die Kronen der Könige, der Helden, der Denker wären seiner Stirn ein unebener Schmuck; er trägt mit dem prächtigsten Anstand die Krone des ruhigen, selbstsicheren Bürgertums. Bürgerlich ist seine ganze Kunst. Aber weil sie, die ungeheure, mit ihren Riesenkräften zur Verehrung zwingt, ist sie jedes plebejischen Beigeschmacks souverän überhoben. Baumeisters Kunst ist wie eine große Demonstration der ruhig schaffenden Natur gegen die — sehr verächtlichen — Verächter von allem Geraden, schlicht Beständigen, Bürgerlichen, ja Philiströsen. Die starre, farblose Decke über menschlichen Tiefen, die von der Geckerei des Übermuts Philisterium gescholten wird, ist nichts als der natürliche Schutz für den Reichtum starker, entwicklungsreicher Keime, der sich da unten sammelt. In der unerschütterten Ruhe eines wohlbesorgten, streng umzirkelten Lebens speichern sich Kräfte um Kräfte durch Generationen auf. Dann, mit einem Mal, sprengt einer die graue Decke, steigt mit allen diesen langverhaltenen, ganz ausgeruhten, schier unerschöpflichen Kräften empor und steht ehrfurchtgebietend da, ein unvergeßlich großes Denkmal jener schlichten und stetigen Tugenden, eine glanzvolle Erhebung des deutschen Philisters, ein bürgerlicher Riese, wie Bernhard Baumeister. Vor der gewaltigen Größe, in der sich hier der Typus offenbart, bleibt den Spöttern freilich das Gelächter aus. Ja, sie ahnen kaum, die feinen Köpfe, daß es gar nicht zwei verschiedene Formen, sondern nur zwei verschiedene Maße einer und derselben Form sind, was sie hier verehren, dort verachten; daß Bernhard Baumeister mit der ganzen Pracht und Wucht seines Wesens ohne jene stille, kleine, beschränkte deutsche Bürgerlichkeit überhaupt unmöglich wäre; daß seine Kraft aus ihren Kräften zusammengeflossen ist, wie sich ein großer Strom am Ende aus kleinem Geriesel sammelt.
Auf die genetische Verwandtschaft mit dem schweren deutschen Bürgertum zeigt auch seine unveränderbare Männlichkeit hin. Er kann fröhlich, lebhaft, ausgelassen sein, aber immer wie ein Mann, der sein ganzes gesichertes Ich dabei in gleichmäßige Bewegung bringt, nie wie ein Jüngling, der sich an die Laune des Moments verliert. Seit wir Heutigen ihn kennen, war er, wie er ist.

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Bernhardt Baumeister