Deutsche-Schauspieler : Bassermann :
Albert Basserman
Ich halte Albert Bassermann für einen der stärksten Darsteller moderner Kultur, die wir zurzeit auf der deutschen Bühne haben. Aber es scheint mir nicht leicht, den Kreis von Lebensstimmungen zu umschreiben, durch deren Ausdruck er uns Zeitgenossen in einer Weise teuer wird, die dem, was zu aller Zeit die Kunst allen Menschen leistet, noch einen besonderen, einzigen Wert hinzufügt. Wenn es die Kulturbedeutung eines Künstlers wie Oscar Sauer zu erkennen gilt, so gewährt schon der klar und vornehm begrenzte Rollenkreis dieses Schauspielers einigen Anhalt. Hier, wo die viel weniger kulturell verklärte, elementarere Kraft eines Jüngern fast allseitig um sich greift, wo ein ungebrochener Gestaltungswille fast jede dichterische Menschenform mit eigenem Leben zu beseelen wagt — da bietet die Auswahl im Stofflichen dem Betrachter keinerlei Orientierung.Die Erkenntnis muß sich hier ganz vom Was aufs Wie, vom Inhalt auf die Erscheinungsform zurückziehen.
Die der Schauspielkunst wesentlichen Formen werden in zweierlei Material gebildet: in Haltung und Bewegung des menschlichen Körpers und in Färbung und Modulation der menschlichen Stimme. Was irgend uns an einem Schauspieler groß und bedeutsam erscheinen mag, es wird wirksam nur, weil es und so weit es sich in dieser zweifachen Materie ausgeprägt hat. Beschreiten wir nun bei der Betrachtung des Schauspielers Bassermann diesen umgekehrten Weg: suchen wir (statt aus dem allgemein erfaßten Sinn die Bedeutung der Formen zu erschließen) durch Betrachtung der Bassermannschen Gesten und Laute den menschlichen und kulturellen Sinn seiner Gesamtleistung zu verstehen.
Das Hauptmaterial der Bassermannschen Menschendarstellungskunst ist ein Körper von ziemlich ungewöhnlichen Dimensionen. Der so selbstverständliche Gedanke von einer „Genialität des Körpers", den uns verchristlichtes Lebensgefühl befremdlich gemacht hat, und der nur noch schönen Frauen gegenüber als Galanterie eine kümmerliche Existenz führt, dieser Gedanke drängt sich bei jeder Betrachtung gerade der Schauspielkunst auf. Wo wäre der große Menschendarsteller, dessen Kunst nicht zugleich mit seiner physischen Natur alle, auch die innersten, Bedingungen zugemessen sind? Die souveräne und einsichtige Beherrschung dieser „Mittel" ist die intellektuelle, willkürliche Leistung des Schauspielers; aber das überwillkürliche seines Schaffens, das „Geniale" ist, wenn dem Körperlichen nicht identisch — das ist eine metaphysische Hypothese — so doch gewiß den körperlichen Mitteln untrennbar eingebunden. Nichts ist törichter als von der „eigentlichen" Genialität des Schauspielers „rein" körperliche Vorzüge als zufällig oder äußerlich abtrennen zu wollen: der Körper und das Organ der Düse sind in der Tat „genial", so genial wie das Auge und Handgelenk Rembrandts und das Gehirn Darwins es waren. Für den, der in künstlerischen Dingen Zusammenhänge zu sehen versteht müssen also auch die besondern Maße von Bassermanns Körper viel vom Wesen seiner Kunst verraten. Es ist ein sehr hoher und schmaler Körper, der nicht hager oder dürr, aber doch sehnig und karg wirkt. Dieser Körper ist sehr beweglich und doch nicht eigentlich geschmeidig; seine Bewegungen sind nicht biegsam, weich, gefällig, sondern straff winklig stoßend. Diesem Körper ist es eigen, sich in möglichst geschlossenen, fast rechtwinkligen Flächen aufzurichten. (Konzentrierende Bewegungen wie die Hände in den Taschen, die rechtwinklig angelegten Ellenbogen u. a. m. sind Bassermannsche Lieblingsgesten). So entstehen Bildungen, die mit dem ganzen merkwürdig erregenden Reiz des Flachreliefs zwischen plastischer und rein flächenhaft zeichnerischer Impression schwanken. Und diese schmalen schlankgestreckten Gesten, diese zum Rechteck strebenden hohen Formen gemahnen doch keineswegs (wie z. T. ähnliche Körperformen bei Josef Kainz) an den sehnsüchtig gedehnten, hierarchisch gesteiften Stil der Präraphaeliten.
Eckiger, muskulöser, wilder, männlicher ist die Sprache dieser Körperlichkeit, und in der Formensprache der bildenden Kunst scheint ihr am ehesten der Stil Meuniers zu vergleichen, dessen Gestalten mit einer ähnlich harten, gereckten Inbrunst aus dumpfer, rauher, schwerer Natürlichkeit in die hohe, sinnbildlich ergreifende Einfachheit rechtwinklig klarer Flächen streben. Derselbe Stil spricht mit eindringlichster Wucht aus dem Rhythmus der Bassermannschen Bewegungen.